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Die soziale Dimension der Automatisierung

  • Veröffentlicht am 24, Oktober 2017
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Dieser Beitrag ist bereits erschienen auf LinkedIn.

Automatisierung und künstliche Intelligenz werden unsere Gesellschaft grundlegend verändern – davon bin ich fest überzeugt. Einmal mehr vertrete ich dabei die Ansicht, dass Angst haben, jammern und am Bestehenden festhalten nicht hilfreich ist. Klar ist aber auch: Die Zahl der Gewinner der digitalen Transformation muss so groß wie möglich gehalten und ihre Verlierer aufgefangen werden.

In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich bereits vor der „German Angst“ und ihrer umgekehrten Beweislast gewarnt sowie für eine digitale Mutgesellschaft plädiert. Die richtige Einstellung allein richtet natürlich nichts aus – Taten müssen sprechen. Wo diffuse Zweifel vorhanden sind, gilt es zu analysieren und a) aufzuklären oder b) entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Das rasante Voranschreiten künstlicher Intelligenz ermöglicht es den Unternehmen, in völlig neue Dimensionen der Automatisierung vorzustoßen. Gemischte Belegschaften aus Menschen UND Maschinen werden in wenigen Jahren der Normalfall sein. Das zeigt übrigens auch eine Studie zu Intelligent Automation, die Wakefield Research im Auftrag von Avanade durchgeführt hat: Demnach nutzen weltweit 31 Prozent der Unternehmen bereits heute entsprechende Technologien, bis 2020 soll sich diese Zahl verdoppeln. Dabei bedeutet Automatisierung übrigens eher selten, dass ein Industrieroboter mit einem Menschen arbeitet; vielmehr geht es um Kollaboration etwa im Services-Bereich, bei Chat-Bots etc.

Mehr Produktivität auf Kosten der Menschen?

Letztlich ist diese neue Art der Automatisierung nötig, um höhere Produktivitäts-Level zu erschließen. Denn viele Unternehmen sind bei ihrer Optimierung, die der Wettbewerb hervorruft, an einen Punkt gelangt, wo althergebrachte Maßnahmen ausgereizt sind – auch das ist ein Ergebnis der Erhebung. Letztlich würde ein Ausbleiben von mehr Automatisierung den Fortschritt verlangsamen – von welchen Investitionen sollte er auch finanziert werden, wenn Unternehmen im Wettbewerb weniger Gewinne machen würden?

Die Argumentation als solche ist demnach in sich stimmig. Doch nur weil eine Sache im Grundsatz richtig ist bedeutet das noch lange nicht, dass dies auf alle ihre Aspekte zutrifft. Und das ist sicher: Wie immer in der ökonomischen Geschichte der Menschheit wird auch der digitale Wandel Verlierer, aber auch sehr viele Gewinner mit sich bringen. Die Zahl der Kutscher und Schmiede ist heute überschaubar – mit dem Siegeszug der Automobilindustrie oder der Industrialisierung allgemein wurden ganze Berufsgruppen an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt. Gleichzeitig ergaben sich in den Fabriken und Unternehmen des 19. Jahrhunderts neue Chancen sowie ein Plus an Produktivität und Wohlstand.

Verschiebung der Tätigkeitsprofile

Kürzlich durfte ich diese Fragen im Zuge einer Presseveranstaltung gemeinsam mit Prof. Dr. Armin Nassehi und dem Digitalisierungsexperten Dr. Holger Schmidt diskutieren. Seiner Ansicht nach werden Künstliche Intelligenz und Automatisierung in zehn bis 20 Jahren zu 15 Prozent weniger Jobs im Metall- und Anlagenbau sowie bei Elektroberufen führen. Dessen ungeachtet zeigte er auf, dass die Zahl der Stellen im Bereich der Medien-, Geistes- und Sozialwissenschaften aber um zehn Prozent zunehmen würden.

Entscheidend sei jedoch eine Verschiebung hin zu immer mehr hochqualifizierten Berufen. Das war auch das Stichwort für den Soziologen Prof. Armin Nassehi. Er sah die Themen Digitalisierung und Industriepolitik von der Politik nicht stark genug besetzt und prägte den für mich beeindruckenden Satz: „Digitalisierung und künstliche Intelligenz benötigen eine Wissensdiskussion, nicht ‚nur‘ eine Wertediskussion.“ Dabei wies er explizit auf die vielen Chancen der digitalen Mustererkennung hin – und ebenso auf die Angst der Deutschen vor ihr. Hier könne eben nur jene Aufklärung helfen, die bisher zu wenig stattfindet.

Lösungswege für mehr Fortschritt und mehr Gewinner

Letztlich war die Quintessenz der Gesprächsrunde: Die Zahl der Jobs mag zurückgehen, jedoch weit weniger dramatisch als vielfach befürchtet und letztlich nicht seriös prognostizierbar. Es besteht sogar die Chance, durch geringere Kosten in gewissem Maße Produktionen nach Deutschland zurückzuholen. Doch auch das war ein Ergebnis der Diskussion: Sehr gering qualifizierte und höchst qualifizierte Stellen werden zu den Gewinnern zählen – die „Mittelschicht der Berufe“ wird kleiner werden.

Um den eingangs aufgeworfenen Gedanken aufzunehmen, möglichst viele Gewinner zu produzieren – auch hier herrschte bei den Teilnehmern der Veranstaltung Einigkeit: Die größte Aufgabe für den Erhalt und die Schaffung von Jobs ist Bildung und das Sammeln von Erfahrung mit neuen Technologien. Sie sind das A und O. Es wird immer Menschen geben, die auf das Sozialsystem angewiesen sind. Wir können und müssen dafür sorgen, dass wir uns diese Sozialsysteme weiterhin leisten können und dass sie so wenig wie möglich in Anspruch genommen werden müssen. Und das haben wir selbst in der Hand – indem wir unseren Kindern auf den richtigen Weg helfen. Hier sind wir alle gefragt, als Eltern, als Berufstätige und als Mitglieder eines Staates, der dafür Bildung und Infrastruktur bereitstellt.

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